Freiheit mit Nebenwirkungen

Bund und Länder haben sich auf Lockerungen der Corona-Maßnahmen ab 20. März geeinigt.
Für viele bedeutet das, dass sie aufatmen können, schrittweise zurück zur Normalität.
Eltern werden bald von der Doppelbelastung befreit, Gastronomiebetriebe können endlich wieder richtig öffnen und die meisten tauschen das Home Office wieder gegen das Büro ein. Es wird sogar darüber gesprochen einen Freedomday zu feiern. Die Pandemie scheint vorbei zu sein. Nicht nur das könnte man diskutieren, sondern auch ob wir zu diesem alten Normalzustand überhaupt zurückkehren wollen.

 

 

Der Markt regelt

 

Bereits vor Corona gab es Schieflagen und soziale Ungerechtigkeiten und diese haben sich während der Pandemie nur verstärkt. Während Politiker*innen in Maskenaffären verstrickt sind und Großkonzerne wie Apple oder Amazon Rekordgewinne einfahren, bleiben kleine Betriebe, Geringverdiener*innen und Hartz4-Empfänger*innen auf der Strecke. Umverteilung: Fehlanzeige.
Die ungleichen Machtverhältnisse zwischen globalem Süden und Norden sind unter anderem in der Impfstoffverteilung stark aufgefallen. Während sich in Deutschland schon Anfang 2021 die ersten impfen lassen konnten, werden ein Jahr später immer noch Patentfreigaben diskutiert. Das südafrikanische Biotechnologieunternehmen Afrigen Biologics hat es jetzt zum Glück geschafft einen eigenen Impfstoff zu entwickeln und das mit nur öffentlich zugänglichen Technologien. Ohne Hilfe von Biontech, Moderna und Pfizer könnte es allerdings noch Jahre dauern, bis der Impfstoff auf den Markt kommt. 

 

Mit zweierlei Maß

 

Auch innerhalb der Landesgrenzen haben sich die Prioritäten und Normen der Politiker*innen immer wieder in den Maßnahmen gespiegelt. Von heteronormativen Regelungen die bestimmt haben, wen wir treffen dürfen und selbstgewählte queere Familienmodelle bspw. nicht miteinbezogen haben. Über Maßnahmen die immer wieder die Freizeit beschnitten haben, aber Arbeitgeber*innen und Kirchen nur mit Empfehlungen geschont haben. 
Nicht zuletzt der Fakt, dass immer wieder statt einer #zerocovid-Strategie, wie sie beispielsweise in Taiwan, Neuseeland oder Mali gefahren werden, eine „flatten the curve“ Strategie gewählt wurde, zeigt, wo die Prioritäten liegen. Diese Strategie hat uns seit Beginn der Pandemie 127.193 Tote gekostet (Stand 03/22). Zum Vergleich, in Neuseeland sind seit Beginn der Pandemie gerade einmal 177 Menschen an Corona gestorben.
Auch die Kinder hatten es nicht leicht. Sie wurden zuerst durch die letzten zwei Schuljahre gepeitscht als gäbe es nichts Wichtigeres, als während einer Pandemie im Bildungsplan zu bleiben. Jetzt werden sie gnadenlos durchseucht, ohne Impfschutz wohlgemerkt. Damit wird in Kauf genommen, dass viele an Corona erkranken und einige sogar an Long Covid leiden werden.
Besonders Kinder, die zur Risikogruppe gehören, müssten wir besser schützen. Seit Beginn der Pandemie sind schon 41 Kinder in Deutschland an Corona gestorben.

 

Pandemieverdrossenheit

 

Und das bringt mich zu einer Gruppe die immer und immer wieder von allen Seiten in dieser Pandemie im Stich gelassen wurde. Die chronisch Kranken, Behinderten und die, die aus anderen Gründen ein erhöhtes Risiko haben einen schweren Verlauf zu haben oder sogar an Covid zu sterben. Außer einer kleinen Verschnaufpause durch niedrige Inzidenzen, FFP2-Masken und Impfschutz im Sommer 2021, mussten sich Risikogruppen immer wieder selbst um ihren Schutz kümmern. 
Statt von einer solidarische Kontaktbeschränkung geschützt zu werden, mussten sich Betroffene teilweise für Monate in eine Komplettisolation begeben. Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Masken- und Testpflicht haben für diese Menschen ein Stück Freiheit gebracht und nicht wie für andere eine Beschränkung dieser bedeutet. 
Nicht zuletzt in den Medien und im Gesundheitssektor hat sich immer wieder gezeigt, wie abelistisch unsere Gesellschaft ist. In Talkshows wurde eine Triage für Ungeimpfte immer wieder empört ablehnt. Wenn Menschen, die sich geimpft, getestet und weitesgehend isoliert haben trotzdem mit Corona im Krankenhaus gelandet sind und aufgrund der Triage sterben mussten, ließ sich ein Aufschrei schmerzlich vermissen.
Aus der Pandemiemüdigkeit wird jetzt zunehmend eine Pandemieverdrossenheit. Aus „Ich kann langsam nicht mehr“ wurde ein „Ist mir doch egal“. Diese Verdrossenheit ist natürlich in Anbetracht der Gesamtscheiße absolut nachvollziehbar, aber sollte uns nicht die Solidarität zu margialisierten Gruppen kosten.
Queere Kinder, die von ihren biologischen Familien verstoßen werden und rassifizierte Personen, die in ihrem Freundeskreis Rassismus erfahren: sie haben eines gemeinsam. Sie kennen das Gefühl sich nicht auf die eigene Community verlassen zu können. Diese Traumata werden besonders bei marginalisierten Personen innerhalb der Risikogruppe getriggert. Und dieses Gefühl macht einsamer, als jede Kontaktbeschränkung. Die Verantwortung darf in der Angelegenheit natürlich nicht komplett an das Indiviuum abgegeben werden. Die Maßnahmen, die die Politik beschließt, sollten wir alle am schärfsten kritisieren – das sollte klar sein. Das heißt aber auch nicht, dass die Zivilbevölkerung sich der Verantwortung komplett entziehen kann. Seit wann orientieren wir uns besonders als Linke/Progressive kritiklos an dem, was die Politik sich in Krisen ausdenkt?

 

Risiken und Nebenwirkungen

 

Die Politik hat jetzt entschieden: Auch wenn die Inzidenz unfassbar hoch bleibt, sollen Maßnahmen gelockert werden, weil die Hospitalisierungsrate niedrig bleibt. Das ergibt für die Mehrheit der Bevölkerung Sinn, zumindest, wenn man für einen Moment ignoriert, dass Long Covid oder sogar ein schwerer Verlauf jeden Treffen kann. Für Menschen mit erhöhtem Risiko bedeutet es allerdings, dass alle Maßnahmen die gelockert werden, in Eigenverantwortung aufrecht erhalten werden müssen, falls das überhaupt möglich ist.
Während sich alle darauf freuen wieder zusammen statt einzeln in den Büros zu sitzen, nimmt es anderen die Chance endlich das Home Office verlassen zu können. Während die einen erleichtert sind, ihre Kinder nicht mehr zuhause betreuen zu müssen, müssen andere um ihre Kinder bangen, die ungeschützt in die Durchseuchung geschickt werden. Während die einen feiern und flanieren gehen, müssen die anderen erst Recht in die Isolation.
Denn wenn wir uns jetzt daran orientieren, was der Mehrheit nützt statt Minderheiten zu schützen, wird das immer wieder bedeuten, dass wir marginalisierte Gruppen ungleich behandeln. Das gilt während wie nach der Pandemie. Wir fordern, dass endlich ein breiter Diskurs über Abelismus geführt wird und dass wir Maßnahmen an den Menschen orientieren, die am meisten bedroht sind, statt an der Mehrheit. Wir fordern eine finanzielle Umverteilung und eine Stärkung der Strukturen, die es der Mehrheit möglich macht, weiter mit den Maßnahmen leben zu können. Wir appellieren außerdem an unsere Communities: bitte beibt solidarisch! Bitte achtet in allen Kontexten darauf, dass wir Menschen schützen, die sich nicht selbst schützen können. Die Pandemie ist noch nicht vorbei.

 

Quellen: